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Die Rebe - Ein Evolutionskünstler

Wir Menschen auf diesem Globus sind schon irgendwie eigenartig. Wir erinnern uns zwar was gestern und vorgestern geschehen ist, aber weiter zuvor erinnern uns nur mehr "Großereignisse" und "Megaevents" an Geschehenes. Dann muss die Schule herhalten mit gelernter Geschichte rund um unser Dasein. Aber auch das ist im Erdzeitalter nur kurzgegriffen, denn vor den "Römern" ist ja auch allerhand passiert.

Zu Urzeiten entwickelten sich in den Steppen und Savannen Afrikas ein aufrecht gehendes Individium mit Fähigkeiten besonderer Art: Werkzeug herzustellen und Waffen zu gebrauchen. Von da an hält den "Homo ergaster" (später H. sapiens - der Weise Mensch!!!) nichts mehr auf, die Erde zu bevölkern.

Zu der Zeit war die Rebe als eine der ersten Laubholzarten schon weit verbreitet. Der Mensch nutzte das als Zucker - und Energiequelle.

Was aber war mit der Evolution bei der Rebe da vorgegangen? 


Copyright: ÖWM / Lukan

Abgesehen einmal von der Entwicklung der "Urzelle" vor rund 3 Mrd. Jahren begannen die Cyanobakterien einen Zustand des Lebens, der heute noch nicht so ganz erklärbar ist. Die ersten pflanzlichen Vielzeller traten dann vor ca. 1 Mrd. Jahren als Rot und Grünalgen im Meer als Sauerstofflieferanten auf.

Spannend wird es mit den ersten Landpflanzen in der Vielfalt von "Moosen" am Urglobus vor rund 450 Mio. Jahren. Kaum vorstellbar diese Zeitdauer des "Silur"! Über der Entwicklung von Farnen, Schachtelhalmen kamen dann die Nacktsamer (heute noch als Koniferen bekannt) zum evolutionären Zug. Photosynthese als Wunderwaffe der Evolution!

Kein Ende der Entwicklung ist abzusehen, denn diese Evolution ist eine ewiges Epos von Analyse, Anpassung, Untergang und Neuanfang von Leben und dessen Vielfalt.

Nach den Gymnospermen entwickelte sich daher eine neue, besser agierende Pflanzengilde der Bedecktsamer, die Angiospermen. In der Kreidezeit beginnt es zu blühen auf dieser Erde. Ein neues Fortpflanzungs-System über spezielle Blühorgane und Samenbildung erweist sich als sehr erfolgreich.

In dieser Kreidezeit beginnt auch die Existenz der Rebe vor mehr als 65 Mio. Jahren. Danach bis vor 2 Mio. Jahren hat der Rebstock sich schon zu 40 verschiedenen Arten (heute nur mehr fossil sichtbar!) entwickelt. Pollenanalyse, Pflanzenabdrücke und erhaltene Samen aus dem Terziärzeitalter (Braunkohlezeit) beweisen diese fortschrittliche Entwicklung über Steiermark, Deutschland und England bis Grönland hinaus.

Aus den Blütenständen der Rebe kann man schon einiges herauslesen. Die Blütenorgane sind sehr einfach-primitiv angelegt. Das Notwendigste ist vorhanden: Fruchtknoten und Staubgefäße. Selbstbefruchtung und Windbestäubung sind die Merkmale dieser Urblüten. Dennoch hat die Rebeblüte schon mit "Duftdrüsen" die Insekten zum Besuch angelockt, sich aber nicht ganz auf diese Bestäubungshilfe verläßt. Prächtig gefärbte blaue Früchte sollten zum Verzehr und damit zur Weiterverbreitung der Art beitragen. Mutationen im langen Lauf der Zeiten führten zu helleren Einzelbeeren oder überhaupt zu weißen Beeren und deren späterer Verbreitung.


Copyright: ÖWM / Faber

Die Rebe ist auch sonst ein "Evolutions-Schlauer", denn wenn etwa Laubgehölze wie Birke oder Erle etc. mit viel Energie mächtige Stämme bilden mussten, um an die Sonne zu gelangen, hat sich die Rebe diesen Energieaufwand gespart, indem sie einige Blattorgane umwandelte zu Kletterranken, um an anderen Aubäumen hochzuklettern und so auch an die Sonne gelangte. Selbst alte Rebstöcke, wie z.B. der Kölner Blaue am Draukai in Marburg/Slovenien oder die Hauseingangsrebe bei Hirzberger in Spitz zeigt einen schier schlanken "Körperbau" im Vergleich zu Eichen, Buchen oder Sequoien.

Anfänglich zweihäusig, zeigt sich, dass Zwitterblüten doch der sicherere Weg in die Zukunft ist. Vor allem durch die Eiszeitlichen "Auswanderungen" und Warmzeitlichen "Einwanderungen" in Mitteleuropa hat sich die Rebe mit einer enormen Flexibilität behauptet.

Die Vitis silvestris war einfach in den Auwäldern der europäischen Flüsse nicht mehr aufzuhalten. Der prähistorische Mensch hat dieses Früchtchen gesammelt und örtlich als Kernrückstände in zum Teil großen Massen zurückgelassen.

In der Jungsteinzeit (ca. 5000 bis 1800 v.Ch.) begann der Mensch in den Siedlungen schon auch zu selektionieren. Man unterscheidet in den Funden bei bronzezeitlichen Pfahlbauten schon unterschiedliche Formen und Größen von Rebkernen, unterschiedlich zu den Wildformen der Rebe. Besonders in den fruchtbaren Landstrichen entwickelte sich mit Hilfe des Menschen eine Domestizierung dieser Pflanze. Man holte die Rebe von der Au als Steckling in die Nähe der Siedlungen, um besser an die Früchte zu kommen.

Auch das Auspressen dieser Frucht und das unbeabsichtigte Vergären - stehengebliebener Saft macht das von selbst - war ein Wendepunkt für die Menschheit: es war ab sofort haltbarer und lagerfähiger. Dass daneben auch eine unerklärbare "göttliche Wirkung" bei zuviel Konsum mit diesem Getränk eintraf, war mystisch bereichernd, nicht abträglich. Klar und hochgeachtet wurde dieser "Wein" zum Kultgetränk des Christentums.

In den Händen der Menschen hat sich die Rebe sehr gut jeder Zeit angepasst und "Krieg und Frieden" mit uns geteilt und somit eine Lieblingsrolle des Homo sapiens eingenommen. Heute stehen, ausgehend von den Urformen, viele Sorten in den Gärten der Winzer. Vegetativ vermehrt sind das somit pflanzliche Klone. Jeder Rebstock ist eine "Dolly" an unseren Rebhängen. Damit wird generatives Aufsplitten vermieden und wir können uns immer auf eine bestimmte Sorte im Glas freuen.


Da hat die Rebe schon was Tolles geleistet im Laufe ihrer Entwicklung. Ein Richard Wagner könnte so etwas vertont haben, hat er aber nicht. Also dürfen wir als Weinbauer und Konsument auf diese Evolution im Geiste mit Darvin anstoßen und tiefergehend verkosten. Vor allem sollten wir biophile Hochachtung dem Saft der Rebe entgegenbringen.


Prost

Großinger Roland


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